ams-direkt

die unternehmer-zeitschrift des arbeitsmarktservice oberösterreich
nr. 136 (november 2007)


Zeitschriftenarchiv

editorial

roman obrovski

Die Nachfrage der Unternehmen nach Fachkräften in technischen Berufen steht derzeit in einem krassen Gegensatz zum Angebot an Arbeitskräften, die Jobs im Bürobereich suchen oder Arbeitsuchenden, die den Anforderungsprofilen der Unternehmen nicht oder nicht mehr entsprechen.

Das AMS unterstützt die nachfragegerechte Berufsorientierung und -ausbildung durch Qualifizierungsangebote für Berufseinsteiger, Arbeitsuchende und Beschäftigte. Solange die Altersteilzeit bei Betrieben und Mitarbeitern jedoch beliebter ist als die berufliche Weiterbildung der über 45-Jährigen, wird es weiter einen vermeidbaren Aderlass an Fachkräften geben.

qualifizierungsförderung - facharbeiterjob schon in der tasche

Die E+E Elektronik GmbH in Engerwitzdorf (UU) bildet derzeit drei Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin zu Fachkräften aus: In einem fünfsemestrigen Ausbildungslehrgang werden sie von Anlern- zu Fachpersonal umgeschult. Frauen und Mitarbeiter über 45 Jahre profitieren dabei von der Qualifizierungsförderung für Beschäftigte, die vom AMS OÖ und dem Europäischen Sozialfonds (esf) finanziert wird.

Jeden Freitag drücken Andreas Baumgartner (30), Valentina Höller (41), Helmut Prückl (41) und Renato Vera (47) die Schulbank. In der Polytechnischen Schule in Pregarten absolvieren die vier - gemeinsam mit Mitarbeitern der Fa. technosert electronic GmbH (Wartberg ob der Aist) - während des Wintersemesters 2007/08 den Vorbereitungslehrgang zu 'Qualitech'. Dabei sollen die Kenntnisse in Deutsch, Englisch, Physik und Mathematik aufgefrischt werden, bevor die eigentliche Elektronik-Ausbildung über vier Semester beginnt.

"Der Vorbereitungslehrgang hilft mit, das Lernen wieder zu lernen", erklärt Mag. Alexandra Riegler, Leiterin Human Resources bei E+E. "Damit beugen wir unnützen Frustrationen vor." - "Unsere Aufnahmefähigkeit ist schon viel besser geworden", bestätigt Kursteilnehmer Renato Vera. "Wir sind ein gutes Team und es ist eine sehr interessante Herausforderung."

valentina höller (vorne), mag. alexandra riegler, renato vera und helmut prückl

sensor-technik

Das Unternehmen beschäftigt knapp 200 Mitarbeiter und fertigt Sensoren für die Automobilindustrie sowie Messumformer für diverse Anwendungsbereiche (CO2-Messung, Luftgeschwindigkeit, Feuchte, Temperatur). E+E ist ein Tochterunternehmen der Fa. Heidenhain (Traunreut, Bayern), wobei Forschung und Entwicklung, Produktion und Vertrieb am Standort Engerwitzdorf konzentriert sind. Zur Abwicklung der internationalen Aufträge wurden mehrere technische Büros im Ausland eröffnet - unter anderem auch in China.

"In den vergangenen Jahren haben wir bereits umfassende Aktivitäten in den Bereichen Gesundheit und Motivation gesetzt", berichtet Riegler. "Das Unternehmen finanziert z.B. Sportaktivitäten oder Exkursionen zu anderen Firmen. Wir haben soeben eine Kantine eingerichtet, geben eine Mitarbeiter-Zeitung heraus und unsere Arbeitsmedizinerin ist sehr aktiv. Jetzt konzentrieren wir uns auf die Qualifikation unserer Mitarbeiter."

großes interesse

"Ursprünglich wollten wir nur zwei oder drei Personen in das Programm nehmen", erzählt Riegler. "Nun sind es vier geworden, weil wir so viele Interessenten hatten. Wir möchten zunächst schauen, wie die Ausbildung läuft und dann über weitere Qualifizierungen entscheiden."

chance für ältere

Die Qualifizierungsförderung für Beschäftigte unterstützt Unternehmen, die für ihre Mitarbeiter Weiterbildungsangebote bereitstellen. Insbesondere werden Frauen (auch Wiedereinsteigerinnen) gefördert, daneben Männer über 45 Jahre. In der Regel beträgt die Förderung zwei Drittel der Kurskosten, bei Frauen über 45 Jahre sogar drei Viertel. Bei E+E fallen zwei Teilnehmer in das Förderprogramm, für die anderen zwei Teilnehmer trägt das Unternehmen die gesamten Kosten.

win-win-situation

Die Ausbildung zum Elektroniker (mit Lehrabschluss) läuft bis März 2010 und erfolgt ausschließlich während der Arbeitszeit. "Die Teilnehmer bekommen viel von der Firma, aber sie müssen auch viel einbringen", sieht Riegler die Regelung pragmatisch. "Sie haben von uns die Zusicherung, dass sie nach fünf Semestern umgestuft werden. Der Facharbeiterjob ist ihnen schon sicher." Das Alter der Arbeitskräfte ist für Riegler kein Thema: "Es ist eine klassische Win-win-Situation: Die Mitarbeiter bekommen eine gute Ausbildung und wir gute Facharbeiter. Wir rekrutieren auch sonst - wenn's passt - ältere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, weil sie viel Erfahrung mitbringen. Es lohnt sich allemal, in diese Personen zu investieren."

fachkräftebedarf - überhitzte nachfrage

Die Nachfrage nach Fachkräften in Oberösterreich bleibt auf hohem Niveau: Stieg die Zahl der beim AMS OÖ gemeldeten offenen Stellen mit Mindestanforderung Lehrausbildung zwischen Oktober 2005 und Oktober 2006 von 3.858 auf 6.278 (+63 %) an, so gab es zwischen dem Vorjahr und Oktober 2007 immerhin noch die spürbare Steigerung auf 6.660 (+6 %). Im Vergleichszeitraum sank die Zahl der Arbeitslosen mit mindestens Lehrabschluss von 13.331 (Oktober 2005) auf 10.590 (Oktober 2006) und 9.709 (Oktober 2007). Die Branchen mit dem höchsten Personalbedarf sind Metall, Elektro und Gastronomie. Allerdings verzerren Mehrfachaufträge durch Arbeitgeber und Personalvermittler den tatsächlichen Bedarf.

Rein statistisch gesehen ist das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nicht allzu groß: In den 13 Berufen mit der höchsten Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern (Schlosser, Elektroinstallateur/-monteur, Handel/Verkauf, Maschinenbau, Tischler, Büro, Kellner, Rohrinstallateur/-monteur, Koch, Schweißer, Kfz-Mechaniker, Dreher, Maurer) waren im Oktober 2007 oberösterreichweit 3.729 Stellen unbesetzt und 4.450 qualifizierte Personen suchten eben in diesen Berufen eine Arbeit.

ausgebildetes potenzial ausgereizt

In einigen Berufen ist derzeit praktisch kein ausgebildetes Arbeitskräftepotenzial mehr vorhanden: Lediglich 15 Schweißer und 20 Dreher mit Lehrausbildung waren zum Stichtag arbeitslos gemeldet. Während die Metallbranche (einschließlich Maschinenbau und Kfz-Technik) generell unter einem Mangel an Fachkräften leidet, gibt es in der Gastronomie, aber vor allem im Handel und Bürobereich ein mitunter eklatantes Überangebot: Für 212 qualifizierte Kellner-Stellen gibt es 503 Bewerber, für 183 Koch-Stellen 315 Bewerber. Im Handel/Verkauf werden 323 qualifizierte Personen gesucht, 1.033 sind arbeitslos vorgemerkt, im Bürobereich beträgt das Verhältnis gar 265 zu 1.932.

unternehmermeetings - großes interesse

Auf großes Interesse stießen die Referate von AMS-Vorstand Dr. Johannes Kopf (links) und Univ.-Prof. Dr. Bruno Buchberger (rechts). Kopf referierte vor rund 50 Unternehmensrepräsentanten aus Wels und Wels-Land zum Thema 'Wo liegt das Fachkräftepotenzial der Zukunft?'. Er plädierte für eine verstärkte Qualifizierung von Arbeitskräften - insbesondere auch aus den Reihen der Älteren, Frauen und Migranten. Eingeladen zu dem regen Gedankenaustausch (am 24. Oktober) hatte das AMS Wels. - Buchberger, der 'Vater' des Softwareparks und des Forschungsinstituts RISC in Hagenberg (FR), beschäftigte sich am 18. Oktober im AMS Perg mit der Frage 'Automatisierung, Beschleunigung - bleibt der Mensch auf der Strecke?'. Buchberger vertrat vor etwa 50 Gästen aus der Perger Wirtschaft die Ansicht, dass es keine Grenzen des Wachstums gibt. Umso entscheidender sei es, dass die Menschen ausreichend Zeit für Entspannung und Regeneration finden.

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