ams-direkt
die unternehmer-zeitschrift des arbeitsmarktservice oberösterreich
nr. 150 (Februar 2009)
editorial
roman obrovski
Viele Unternehmen in Oberösterreich haben rasch und besonnen auf den plötzlichen, oft dramatischen Auftragsrückgang in den letzten Wochen und Monaten reagiert. Mit wenigen Ausnahmen setzen die Verantwortlichen zunächst auf innerbetriebliche Flexibilisierung, auf Kurzarbeit und / oder auf Bildungskarenz, bevor sie Auslastungsprobleme mit Freisetzungen lösen.
Ich danke allen Unternehmern und Personalisten, die mit dem AMS OÖ sozialverträgliche Lösungen gesucht haben und weiter suchen. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise abzumildern und den Beschäftigungseinbruch zur Neuausrichtung des Unternehmens für die Zukunft zu nutzen ist eine erfolgversprechende Strategie. Für Anregungen und Verbesserungsvorschläge zu den Angeboten des AMS sind Ihre Kontaktpersonen im AMS OÖ jederzeit ansprechbar: was wir im eigenen Handlungsraum verbessern können werden wir tun. Was unsere Möglichkeiten überschreitet, kommunizieren wir gern und rasch den dazu berufenen Organen.
bildungskarenz plus: "jede firma muss etwas machen"
Bildungskarenz plus, Kurzarbeit – viele Unternehmen suchen nach Möglichkeiten, ihre Stammbelegschaft zu halten und die Phasen geringerer Arbeitsauslastung für berufliche Qualifizierungen zu nützen. Die Firma Hoffmann & Co Elektrokohle AG in Bad Goisern (GM) begegnet der aktuellen Krise mit einem Maßnahmenmix, der es ermöglichen soll, möglichst viele Mitarbeiter weiterzubeschäftigen und zugleich weiterzubilden.
"Es ist meiner Ansicht nach keine vorübergehende Krise sondern eine Korrektur. Das erste Halbjahr 2008 war einfach überhitzt und es wurde lange Zeit auf Halde produziert. Wir werden nicht mehr so schnell in die Situation kommen, dass wir die Produktionszahlen von 2008 erreichen. Wir werden etwa auf das Niveau von 2005/2006 zurückfallen und dann kontinuierlich – aber ganz normal – wieder wachsen." Mag. Franz Gebetsroither (kleines Bild), Geschäftsführer von Hoffmann Elektrokohle, sucht derzeit nach Möglichkeiten, die Stammbelegschaft auch bei geringerer Auslastung zu halten.
350 beschäftigte
Hoffmann Elektrokohle produziert Schleifleisten für Lokomotiven sowie Kohlebürsten und Systemeinheiten für Starter, Benzinpumpen und diverse Elektrogeräte. Das Unternehmen ist Teil der international tätigen Schunk-Gruppe (Heuchelheim, Hessen) und ist nach eigenen Angaben in weiten Bereichen Weltmarktführer. Mit 350 Beschäftigten – in der Hauptsache Fachkräfte wie Industrietechniker und Werkzeugmacher – zählt das Unternehmen zu den wichtigsten Arbeitgebern im Inneren Salzkammergut. "57% des Umsatzes machen wir in der Automobilindustrie und haben entsprechend der aktuellen Situation so unsere Probleme", berichtet Gebetsroither. "Zum Glück ist der Bedarf bei der Bahn jetzt stark im Steigen. Und so können wir Rückgänge in den anderen Bereiche abfedern." Zehn Mitarbeiter wechselten in den letzten Wochen bereits von der Automobil- in den Bereich Bahntechnik. Leasingkräfte wurden gekündigt und viele Mitarbeiter bauen ihre Zeitguthaben ab.
bildungskarenz plus
15 Mitarbeiter absolvieren im Rahmen von Bildungskarenz plus eine neunmonatige Ausbildung zum Black Belt in der Qualitätsmanagement-Methode Six Sigma. Die Ausbildung wurde in der letzten Jännerwoche gestartet; eine Aufstockung auf 20 Teilnehmer ist geplant. "Wir sind hoch zertifiziert", erklärt Gebetsroither. "Qualität ist bei uns das Wichtigste. Wir stehen stark unter Erfolgsdruck. Six Sigma ist da bei uns das Um und Auf. An der Ausbildung nehmen erfahrene Fachkräfte, Vorarbeiter und Meister teil. Wir helfen den Leuten, dass sie beim Einkommen nicht zu sehr runterrutschen. Ich bin überzeugt, dass jede Firma einen gewissen Anteil an Weiterbildung machen soll und muss. Wir haben alle einen Bedarf weiterzulernen. Und wenn man das jetzt nicht nützt, ist man selbst schuld."
drei teilnehmer der six-sigma-ausbildung
kurzarbeit
"Diese Maßnahme wird nicht ausreichen", ist Gebetsroither überzeugt. "Wir haben jetzt Kurzarbeit für 300 Mitarbeiter beantragt – beginnend mit Anfang März. Wir versuchen es zunächst einmal mit drei Monaten. Kurzarbeit ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Behaltefrist verkürzt wird. Es wäre unverantwortlich, Behaltefristen von drei oder sechs Monaten einzugehen und die Auftragslage bessert sich nicht: Das würde die Firma stark schädigen."
kurzarbeit: autocluster am stärksten betroffen
Das Interesse der Betriebe an Kurzarbeit ist in Oberösterreich ungemein hoch. Neben den zahlreichen informellen Anfragen gab es seit Oktober 2008 Vereinbarungen mit 46 Unternehmen. Die betroffenen Arbeitskräfte kommen zu 78% aus Betrieben des oberösterreichischen Autoclusters.
Seit Oktober 2008 haben 46 Unternehmen beim AMS OÖ um Kurzarbeit angesucht. Besonders stark betroffen sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen des Autoclusters: Von den insgesamt 9.665 Personen, für die Kurzarbeit beantragt wurde, kamen 7.536 (78%) aus neun Unternehmen des oö. Autoclusters. Die meisten von Kurzarbeit betroffenen Arbeitskräfte gibt es in Linz, Steyr/Steyr-Land und Braunau (siehe Grafik); bislang keine Anträge auf Kurzarbeit gab es von Betrieben in den Bezirken Eferding, Freistadt und Ried. Die vorläufigen Kosten für die bislang beantragten Kurzarbeitsfälle belaufen sich auf € 21,9 Mio. Das AMS OÖ geht davon aus, dass die Kurzarbeit noch deutlich ausgeweitet wird.
von kurzarbeit betroffene arbeitskräfte (anträge von oktober 2008 bis jänner 2009)
Genehmigt wurden seit Oktober 2008 die Anträge von zehn Unternehmen – 36 Fälle sind aktuell in Bearbeitung (die Kurzarbeitsfälle müssen von den Sozialpartnern genehmigt werden). Für manche Unternehmen ist Kurzarbeit nur bedingt attraktiv, da an die Förderung eine Behaltefrist geknüpft ist. Eine von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Neuregelung der Kurzarbeit soll eine Kombination mit Qualifizierungsmaßnahmen und eine Ausweitung auf 18 Monate bringen.
eu-quote: anstieg auf 7,4%
Die Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union stieg von Dezember 2007 auf Dezember 2008 um 1,7 Mio. auf 17,9 Mio. Personen. Die Arbeitslosenquote steigerte sich in diesem Zeitraum von 6,8% auf 7,4%. Nach Eurostat-Berechnung wies Österreich mit 3,9% die zweitdniedrigste Quote nach den Niederlanden (2,7%) auf; die höchste Quote wurde in Spanien ermittelt (14,4%).




