Österreich, Wien, 12.01.2016

Pressekonferenz - Asylberechtigte auf Jobsuche

Kompetenzcheck-Ergebnisse: Personen aus Syrien, dem Iran und Irak sind am besten qualifiziert – AMS investiert 2016 rund 68 Mio Euro zur Integration anerkannter Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt


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Im Vorjahr waren im Schnitt 17.300 Asylberechtigte auf Jobsuche, 2016 wird die Zahl der Asylberechtigten, die auf den österreichischen Arbeitsmarkt drängen, steigen. „Wir rechnen mit mehr als 30.000 Neuzugängen im Jahr 2016. Diese Zahl ist herausfordernd, ich kann aber beruhigen, dass Neuzugänge nicht bedeuten, dass die Arbeitslosenlosenzahl dieser Gruppe um 30.000 steigen wird“, betonte Rudolf Hundstorfer, Bundesminister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz. „Es ist uns im vergangen Jahr gelungen, rund 6.200 Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte in Arbeit zu bringen. Ende Dezember waren 21.154 arbeitslose oder in Schulung befindliche Asylberechtigte beim AMS vorgemerkt.“ Arbeit sei der beste Schlüssel zur gelungenen Integration, so der Minister weiter. Es sei daher geboten, in rechtstaatlichen Verfahren anerkannte Flüchtlinge möglichst rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um ihnen so finanzielle Unabhängigkeit und ein selbstbestimmtes Leben nach traumatischen Erfahrungen zu ermöglichen und gleichzeitig die Ausgaben für Sozialleistungen zu minimieren. Flüchtlinge könnten so ihren eigenen Beitrag zum Sozialsystem leisten. Die Integration dieser Menschen in den Arbeitsmarkt bleibe eine große und andauernde Aufgabe, der wir uns stellen müssen, ohne gleichzeitig andere Gruppen am Arbeitsmarkt – seien es die Jugendlichen, die Älteren oder die Langzeitarbeitslosen zu vergessen. Hier nicht gleich etwas zu tun, bedeute auch, dass diese Menschen dequalifiziert und demotiviert werden, in Schwarzarbeit abtauchen und von Sozialleistungen abhängig bleiben. Auch ein Kompetenzcheck sei ein wesentliches Element, um anerkannte Flüchtlinge möglichst gut in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Er werde zwar nicht alle Probleme lösen können, mit ihm wissen wir jedoch, wo die Person steht und was eventuell noch fehlt. Er sei aber nur der erste Schritt des Weges, so Hundstorfer.

Kompetenzcheck-Teilnehmer/innen aus Syrien, dem Iran und Irak gut qualifiziert
„Das Qualifikationsniveau der Asylberechtigten, die am AMS-Kompetenzcheck teilgenommen haben, ist bis auf Angehörige eines Staates deutlich höher als erwartet. Wir haben die Ergebnisse nach Nationalitäten ausgewertet, denn wegen deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern ist eine Durchschnittwertung nur begrenzt aussagekräftig“, erklärte Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich. Nach Herkunftsländern betrachtet weisen die Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran und Irak die höchste Qualifikation auf. So besitzen 67% der Kompetenzcheck-Teilnehmer/innen aus Syrien (gesamt: 187 Personen), sogar 90% der Teilnehmer/innen aus dem Iran (gesamt 100 Personen) und 73% der Teilnehmer/innen aus dem Irak (gesamt 40 Personen) eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung, das heißt sie haben entweder Studium, Matura oder eine Berufsausbildung.
Am schlechtesten qualifiziert sind die Kompetenzcheck-Teilnehmer/innen aus Afghanistan (gesamt 230 Personen): Nur 26% von ihnen haben eine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung, 25% haben die Pflichtschule, 20% die Grundschule besucht und 30% haben keine formale Schulbildung (davon sind interessanterweise nur rund 1/3 Analphabeten). „Der jahrzehntelange Krieg in Afghanistan hat deutliche Spuren hinterlassen. Auch die Berufserfahrungen vieler Menschen aus Afghanistan sind aufgrund der rückständigen Wirtschaft bei uns vielfach kaum verwertbar. Das ist für die Integrationsarbeit eine große Herausforderung. Allerdings darf man nicht vergessen, dass, wenn jemand keine Chance gehabt hat, in eine Schule zu gehen, das noch nichts über das Interesse oder die Intelligenz der Person aussagt. Unsere Kurstrainerinnen und –trainer berichten uns, dass die von ihnen betreuten Menschen engagiert, wissbegierig und äußerst lernbereit sind.“, betonte Kopf.

Bildungsniveau der Frauen generell höher als das der Männer
„Bemerkenswert ist der hohe Akademikerinnenanteil unter den weiblichen Teilnehmerinnen“, so Kopf. Dieser liegt bei Asylberechtigten aus Syrien bei 36% (Männer: 21%), bei jenen aus dem Iran bei 42% (Männer:26%), bei jenen aus dem Irak bei 44% (Männer: 31%), bei jenen aus Afghanistan bei 11% (Männer: 5%) und bei allen sonstigen Ländern bei 34% (Männer: 16%). „Viele der gut qualifizierten Frauen haben jedoch kaum Berufserfahrung vorzuweisen, gezielte Frauenförderung ist hier bestimmt notwendig“, so Kopf.

AMS investiert 2016 rund 68 Mio Euro in Integrationsmaßnahmen
„Österreichweit wird das AMS 2016 rund 68 Mio Euro für Maßnahmen zur Integration Asylberechtigter in den Arbeitsmarkt ausgeben. Davon werden fast 34.000 anerkannte Flüchtlinge, die heuer zu uns kommen, profitieren“, so Kopf. Fundierte Deutschkenntnisse sind für die Integration in den Arbeitsmarkt zentral. Das AMS wird daher österreichweit zehntausende Deutschkurse für Asylberechtigte auf Jobsuche zur Verfügung stellen. Damit die beruflichen Kompetenzen der anerkannten Flüchtlinge auch in Zukunft detailliert erfasst werden können, wird das AMS die Zahl der Teilnehmer/innen an Kompetenzchecks 2016 österreichweit auf insgesamt 13.500 Kompetenzchecks erhöhen. Um eine intensive Betreuung der Flüchtlinge sicherzustellen, werden spezielle Dienstleistungen - wie z.B. die Unterstützung bei der Anerkennung von Qualifikationen - von eigenen Beratungs- und Betreuungseinrichtungen übernommen. 2016 werden dort österreichweit Kapazitäten für die Betreuung von 18.100 Asylberechtigten angeboten. Zudem wird das AMS 2016 Maßnahmen zur Aus- und Weiterbildung (5.700 Kurse) und zur Unterstützung der Eingliederung in den Arbeitsmarkt (2.100 Eingliederungsbeihilfen) umsetzen. „Aus den an sich doch – mit Ausnahme Afghanistan - optimistisch stimmenden Ergebnissen, sollte jedoch keineswegs der Schluss einer „leichten Integration“ gezogen werden. Mangelnde Sprachkenntnisse, Traumatisierungen, eine allgemein schlechte Arbeitsmarktsituation usw. bleiben eine große Herausforderung.“ so Kopf abschließend.

AMS Wien: Deutschkurse und Höherqualifizierung für die Asylberechtigten notwendig
„Wir haben aus dem Pilotprojekt vor allem gelernt, welche unterschiedlichen Begleitstrukturen wir für die unterschiedlichen Bildungsniveaus der Asylberechtigten entwickeln müssen“, betonte AMS-Wien-Chefin Petra Draxl. „Wir sind jetzt gefordert, die Menschen sehr individuell zu betreuen.“ Bei Menschen mit „gehobenem Anerkennungsbedarf“ – etwa im Bereich der akademisch gebildeten Technikerinnen und Techniker – geht es um die Nostrifikation, um Deutschkenntnisse und eventuell um die Beendigung des Studiums. Bei jenen, die die Schule auf Maturaniveau abgeschlossen haben, kann man rasch daran gehen, einen österreichischen Lehrabschluss anzustreben - wie auch bei jenen, die aus ihrer Heimat einschlägige Berufserfahrung auf hohem Niveau mitbringen. Und jene Menschen, die kaum oder keine Schulausbildung haben, müssen rasch mit einer intensiven Basisqualifizierung beginnen, bevor an eine Arbeitsaufnahme gedacht werden kann. Das AMS Wien wird im Jahr 2016 darüber hinaus 30.000 Deutschkursplätze anbieten.

Kompetenzchecks für bis zu 12.000 Teilnehmer/innen in Wien
„Wir sind stolz darauf, dass der Kompetenzcheck für Asylberechtigte sehr gut funktioniert hat“, sagt Draxl. „Wir haben ihn nun so aufgestellt, dass wir ihn in diesem Jahr bis zu 12.000 Menschen anbieten können.“ Neu ist, dass die praktische Arbeitserprobung, mit der das Qualifikationsniveau getestet wird, nun weitaus stärker systematisiert wurde und auch in den Wiener Unternehmen stattfinden kann, und dass durch die Standardisierung der Abläufe bei den Bildungsträgern, die den Kompetenzcheck anbieten, die Ausbildungsziele der Menschen präziser ins Auge gefasst werden können. Ab Frühling 2016 soll in Wien eine neu eingerichtete Beratungs- und Betreuungseinrichtung die Menschen unterstützen, mit den Erkenntnissen aus dem Kompetenzcheck ihren Weg weiterzugehen: Sie wird in allen Belangen des Arbeitsmarkts oder der Ausbildung bis hin zu jenen der Kinderbetreuung helfen. „Darüber hinaus soll diese Einrichtung auch eine Anlaufstruktur für Freiwillige, Helfer und Mentoren bieten“, kündigt Draxl abschließend an.

Arbeitsbesuch des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit in Wien
Raimund Becker, Vorstand Regionen der Bundesagentur für Arbeit und eine Delegation von Fachleuten stattete dem Vorstand des AMS Österreich einen Besuch ab, um sich gemeinsam mit Fachleuten des AMS und der Bundesagentur über das Thema „Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt in Deutschland und Österreich“ auszutauschen.