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Österreich, 20.08.2012

Staat will mit 725 Mio. Euro Job-Barrieren für Behinderte wegräumen

Bis 2016 - Sozialminister: "Da muss mehr hingeschaut werden" - AMS-Kopf: "Tolle Rückmeldungen von Firmen" - Rollstuhlfahrer: "Brauchen keine Samthandschuhe"


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Wien (APA) - Trotz zahlreicher Programme sind Behinderte am österreichischen Arbeitsmarkt noch nicht voll integriert und nicht gleichberechtigt. Dabei werden sie auch wegen der demografischen Entwicklung - Stichwort Überalterung der Gesellschaft - immer wichtiger für den Arbeitsmarkt. Während die Arbeitslosenquote nicht Beeinträchtigter laut AMS von 2010 auf 2011 von 6,9 Prozent auf 6,7 Prozent zurückging, stieg sie bei Gehandicapten im gleichen Zeitraum von 9,3 auf 9,6 Prozent. Bis 2016 nimmt das Sozialministerium für "integrative Maßnahmen" nun insgesamt 725 Mio. Euro in die Hand.

"Firmen fürchten sich immer noch vor Minderleistungen von Behinderten, dabei ist die Gefahr gleich groß oder klein, wie bei nicht Behinderten", kritisierte Gregor Demblin, Mitgründer der (Online-)Jobinitiative für Menschen mit und ohne Einschränkung http://www.careermoves.at/.

Die vor drei Jahren gegründete Plattform - die erste in Europa auf der sich Behinderte und Nicht-Behinderte gleichberechtigt um Jobs bewerben können - bot bereits 3.000 Jobs an. Alleine im 1. Halbjahr 2012 waren es 1.580. Verschiedene Symbole veranschaulichen Arbeitssuchenden, mit welchen Behinderungen welcher Job möglich ist. Derzeit sind rund 430 Inserate von 48 Unternehmen online, darunter McDonald's, Ikea, Baumax.

"Wir tragen unsere Message zu Firmen, damit sie auf der Plattform behindertengerechte Jobs anbieten. 250 Unternehmen, die bei uns inserieren, haben wir offenbar zum Umdenken bewegt", erklärte Demblin, der seit einem Badeunfall mit 18 Jahren selbst im Rollstuhl sitzt. "Das letzte was Behinderte wollen, ist Mitleid. Meist wird leider gesehen, was Behinderte nicht können - anstatt das zu erkennen, worin sie sehr gut sind", kritisierte er. "Menschen mit Behinderung verdienen eine Chance am Arbeitsmarkt." All zu oft würden Menschen mit Einschränkungen allerdings aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein ausgeblendet. "Wir sind auch Leistungsträger, die keineswegs mit Samthandschuhen angegriffen werden wollen."

"Career Moves leistet durch die gezielte Unterstützung, Vernetzung und Förderung von Potenzialen einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit und stärkt beispielgebend die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung in Österreich", sagte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (S).

Hundstorfer wies ebenso mit Blick auf die demografischen Entwicklung darauf hin, künftig werde es für Unternehmen immer wichtiger, auf Arbeitskräfte mit Einschränkungen zurückzugreifen - Stichwort: Fachkräftemangel. "Da muss mehr hingeschaut werden", forderte der Minister. "Zur erfolgreichen Integration von Menschen mit Behinderung, Erkrankung oder sonstigen Beeinträchtigungen in die Arbeitswelt bedarf es oft aber der Begleitung durch professionelle und kompetente Berater in Kooperation mit verschiedenen Behörden und Institutionen sowie der Wirtschaft."

Das Bundessozialamt nehme hierbei eine Drehscheibenfunktion wahr, wie auch die neue Dachmarke der verschiedenen Förderschwerpunkte "Netzwerk Berufliche Assistenz" (Neba). Neba organisiert das "Clearing" (Talente von Jugendlichen mit Behinderung so rasch wie möglich ausloten und fördern), die Berufsausbildungsassistenz (Verbesserung der Eingliederung von benachteiligten Jugendlichen), das Jobcoaching (Begleitung von Jugendlichen mit Behinderung durch Einschulungen im Job), die Arbeitsassistenz (u.a. Begleitung bei der Arbeitssuche, Unterstützung in der Anfangsphase eines Dienstverhältnisses) und das neue Jugendcoaching - auch für nicht Beeinträchtigte. Alleine heuer fördert das Sozialministerium mit 160 Mio. Euro, verwendet um 10 Mio. mehr als 2011.

"Es wäre für die Wirtschaft verhängnisvoll, diese Potenziale nicht bestmöglich zu nutzen. Weiters geht es in der Gesamtsicht auch um das Pensionssystem", sagte Demblin.

Diese Sichtweise untermauerten sowohl AMS-Vorstand Johannes Kopf als auch Josef Kytir, Bevölkerungsfachmann bei der Statistik Austria. 2050 werden knapp 30 Prozent der Erwerbspersonen 50 Jahre oder älter sein, was mehr Beeinträchtigte auf den Arbeitsmarkt bedeute. Das Arbeitskräftepotenzial sinkt von aktuell 5,2 Mio. Personen auf 5,0 Mio. Das Arbeitskräftepotenzial sei, auch wenn weiterhin jährlich 30.000 Menschen nach Österreich einwandern, tendenziell sinkend. Ohne Einwanderung würde das Arbeitskräftepotenzial bis 2050 auf nur mehr 3,5 Mio. Menschen einbrechen, erklärte Kytir.

"Bis 2050 steigt die Zahl der Arbeitnehmer über 50 Jahre von derzeit 800.000 auf 1,3 Millionen - da schließt sich der Kreis mit der Integration Beeinträchtigter am Arbeitsmarkt", so Kytir. Laut Kopf muss aber auch die Frauenerwerbsquote gesteigert und dahingehend die Kinderbetreuung flächendeckend ausgebaut werden. Die Unternehmen sind aber "nur zum Teil" auf diese beginnenden Herausforderungen eingestellt: "200.000 Arbeitskräfte weniger bis 2050 ist nicht unbedeutend", so Kopf. Künftig müsse also länger gearbeitet werden, mehr Frauen müssten in den Vollerwerb, das Potenzial der Jugend sei durch Coachings zu erhöhen und das hohe Potenzial von beeinträchtigten Menschen müsse "als wertvolle Ressource" viel stärker genutzt werden.

Die Unternehmen würden sich laut Kopf aber oft denken, es sei leichter, keine Behinderten zu beschäftigten. "Das ist falsch. Es gibt tolle Rückmeldungen von Firmen, die welche beschäftigen - nicht nur wegen des großen Potenzials Beeinträchtigter, auch wegen der staatlichen Unterstützungen", so Kopf. 2011 flossen für die Integration von Beeinträchtigten an Arbeitsplätzen seitens des AMS 27 Mio. Euro in 7.680 Förderfällen.

(S E R V I C E - Neben der Plattform http://www.careermoves.at/ gibt es auf Initiative der Sozialpartner mit dem AMS, Sozialministerium und weiterer öffentlicher Stellen auch die Homepage http://arbeitundbehinderung.at/)
(Schluss) phs/rf