AMS NÖ startet weltweit erstes Modellprojekt einer Arbeitsplatzgarantie

Initiative im Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit am Beispiel einer nö. Gemeinde:


  • Veröffentlicht 22.10.2020
  • Bundesland Niederösterreich

Das Arbeitsmarktservice (AMS) Niederösterreich startet im Oktober ein einzigartiges Projekt: MAGMA – Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal – ist das weltweit erste evidenzbasierte Modell einer Arbeitsplatzgarantie. Projektziel ist es, alle langzeitarbeitslosen Personen der niederösterreichischen Gemeinde Gramatneusiedl wieder in Arbeit zu bringen. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird wissenschaftlich von den Universitäten Oxford und Wien begleitet und evaluiert. Der Projektstandort befindet sich auf dem ehemaligen Gelände der „Vereinigten Österreichischen Textil-Industrie Mauthner Aktiengesellschaft“ in Marienthal. Die Kosten werden vom AMS NÖ getragen. Landesgeschäftsführer Sven Hergovich stellt das Projekt MAGMA bei einer Pressekonferenz am 22. Oktober im AMS Schwechat vor.

Die Strategie, Langzeitarbeitslose intensiv zu betreuen und zu vermitteln, zeigte vor Beginn der Corona-Krise Erfolg: 2019 gelingt dem AMS in Niederösterreich mit -1.421 Langzeitarbeitslosen der ö-weit stärkste Rückbau der Langzeitarbeitslosigkeit. Doch jede Arbeitsmarktkrise hinterlässt Spuren: Die Sockelarbeitslosigkeit steigt in Österreich seit Anfang der 80er Jahre und kann nicht auf das Vorkrisen-Niveau rückgebaut werden. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen nahm auch in Folge der Corona-Krise zu: Ende August war rund jede/r fünfte Arbeitslose in Niederösterreich bereits mindestens ein Jahr auf Jobsuche. Zwischen April und August ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen um +12,9% auf 12.135 Personen gestiegen.

„Wir müssen und werden vor dem Hintergrund der jüngsten, nie zuvor da gewesenen Arbeitsmarktentwicklung alles tun, um den Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit einzudämmen. Das ist auch ein klarer Auftrag der Regierung“, so Sven Hergovich. Das AMS testet nun ein neues Modell der Arbeitsplatzgarantie. Langzeitarbeitslose Personen einer niederösterreichischen Gemeinde sollen dauerhaft in den Arbeitsmarkt integriert werden. Drei Studien, die ForscherInnen der Universitäten in Oxford und Wien unabhängig voneinander durchführen, prüfen die Wirkung dieses Modells auf TeilnehmerInnen und Volkswirtschaft.

Mit MAGMA von der Langzeitarbeitslosigkeit in dauerhafte Beschäftigung
Am Projekt MAGMA, Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal, nehmen alle Personen aus Gramatneusiedl teil, die seit einem Jahr beim AMS Schwechat arbeitslos vorgemerkt sind bzw. in den kommenden drei Jahren eine Vormerkdauer von einem Jahr erreichen. In Summe sind das voraussichtlich 150 ProjekteilnehmerInnen.

Die Gesamtkosten für das Projekt MAGMA inklusive der Begleitforschung betragen für den gesamten Projektzeitraum 7,4 Mio. Euro und werden zur Gänze vom AMS NÖ getragen. 2024 werden die Endergebnisse der wissenschaftlichen Evaluierungen vorliegen.

AMS NÖ-Chef Sven Hergovich: „MAGMA unterscheidet sich von bekannten arbeitsmarktpolitischen Programme in drei wesentlichen Punkten:

  • Das Programm richtet sich nicht nur an einen Teil der Langzeitarbeitslosen, sondern es bekommt ohne Ausnahme jeder Langzeitarbeitslose in der Gemeinde ein Wiedereinstiegsangebot.
  • Es kommt ein breiter Mix an Unterstützungsangeboten zum Einsatz.
  • Die zusätzlichen Arbeitsplätze werden nicht nur im gemeinnützigen Bereich, sondern auch in marktwirtschaftlichen Unternehmen geschaffen und finanziert.“

Die Grundzüge des Projekts:

  • Gut vorbereitet mit Einstiegskurs: Persönliche Potenziale und Kompetenzen werden erhoben, bisherige Hürden zum beruflichen Wiedereinstieg (Bsp.: gesundheitliche) bearbeitet. Abschluss ist ein maßgeschneiderter persönlicher Perspektivenplan.
  • Attraktive Lohnkostenförderungen als Door Opener bei Betrieben. Unternehmen, die bereit sind, neue Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose zu schaffen, werden mit bis zu 100-prozentiger Lohnkostenförderung unterstützt.
  • Begleitung der TeilnehmerInnen, wenn sie ein reguläres Dienstverhältnis haben, solange es nötig ist.
  • Für alle Langzeitarbeitslosen, bei denen sich trotz 100-prozentiger Lohnkostenförderung kein Betrieb finden lässt, der ihnen ein Dienstverhältnis anbietet, werden zusätzliche Dienstverhältnisse im gemeinnützigen Bereich geschaffen und finanziert.

Unabhängige Evaluierungen durch Universitäten Oxford und Wien
ÖkonomInnen der Universität Oxford und SoziologInnen der Universität Wien führen begleitend mehrere unabhängige Studien über die ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Auswirkungen auf Langzeitarbeitslose sowie mögliche Übertragungseffekte auf den Arbeitsmarkt durch:

  • Randomised Control Trial: Diese Methode wurde von der Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2019 zur Armutsbekämpfung etabliert. Dabei werden die MAGMA-TeilnehmerInnen in zwei Gruppen mit möglichst ähnlichen soziodemographischen Merkmalen, aber mit zeitversetzten Einstiegsterminen in das Programm eingeteilt. Die Wirkung der Teilnahme am Projekt wird zwischen den beiden Gruppen verglichen.
  • Vergleich auf Gemeindeebene mithilfe einer Synthetic Control Group: Diese neuen Methode wurde von ForscherInnen der Harvard University, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Weltbank entwickelt. Mithilfe statistischer Methoden wird eine künstliche Kontrollgemeinde (=Synthetic Control) generiert, die der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung und dem Profil von Gramatneusiedl entspricht. Nach Durchführung des Programms, wird die Arbeitsmarktsituation der beiden Gemeinden verglichen.
  • Bei der Begleitforschung durch das Soziologie-Institut der Universität Wien kommen standardisierte Fragebögen sowie qualitative Interviews mit den ProjektteilnehmerInnen zum Einsatz.

Marienthal kann weiter Geschichte schreiben
Mit der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ setzten Hans Zeisel, Marie Jahoda und Paul Lazersfeld einen Meilenstein in der empirischen Sozialforschung. Das ForscherInnen-Team untersuchte 1933 die Folgen der Arbeitslosigkeit für 1.300 ArbeiterInnen und Angestellte, die die Ortschaft Marienthal mit der Schließung der örtlichen Textilfabrik mit voller Wucht getroffen hat. „Hundert Jahre nach der Marienthal-Studie werden wir Antwort auf die Frage suchen, wie Beschäftigung auf die Menschen und die Gemeinschaft wirkt und ob Langzeitarbeitslosigkeit evidenzbasiert bekämpft werden kann“, so AMS NÖ-Chef Sven Hergovich.

Rückfragehinweis für die Redaktion:
Mag. Martina Fischlmayr, 050 904 300 120 oder 0664/83 50 517

Diese Seite wurde aktualisiert am: 22. Oktober 2020