Jeder vierte Jugendliche mit maximal Pflichtschule auf Jobsuche - Arbeitsminister Hundstorfer: "Guter Bildungsabschluss ist beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit"
Jeder vierte Wiener Jugendliche, der keinen höheren Abschluss hat als nur den der Pflichtschule, ist arbeitslos. Mit dem Abschluss einer Lehre können junge Menschen ihr Risiko, arbeitslos zu bleiben oder zu werden, auf ein Drittel reduzieren.
Mit der neuen Website www.unentdeckte-talente.at will das AMS Wien nun die Jugendlichen überzeugen, dass es sich lohnt, die Mühen einer Berufsausbildung auf sich zu nehmen - denn jedes Jahr der Ausbildung bringt später um 5 Prozent mehr Lohn.
"Mit dieser Website haben wir nun ein Kommunikationsmittel, das sich direkt an die Jugendlichen wendet und auch ihre Sprache spricht", sagt Arbeitsminister Rudolf Hundstorfer. "Wir wollen die jungen Menschen überzeugen: Ein guter Bildungsabschluss ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit."
Für AMS-Wien-Chefin Petra Draxl ist die Begleitung der Jugendlichen zum ersten Job von entscheidender Bedeutung. "Wo der Übergang von der Schule ins Berufsleben gut gelingt, ist die weitere Berufslaufbahn auf einem erfolgreichen und sicheren Weg", ist Draxl überzeugt. "Die Jugendlichen dabei zu begleiten, ist eine unserer wesentlichsten Aufgaben - und die neue Website wird uns dabei ein wichtiges Werkzeug sein."
"Bei Wiener Jugendlichen mit maximal Pflichtschulabschluss liegt die Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent, bei jenen mit Lehrabschluss nur noch bei 8 Prozent", erklärt Doris Landauer, Leiterin des Projekts "Unentdeckte Talente" des AMS Wien. "Bildung ist aber auch der Schlüssel zu mehr Wohlstand, einem gesünderen und erfüllteren Leben und wirkt vorbeugend gegen Armut und Kriminalität - und sie ist der Schlüssel zu mehr Demokratie und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wenn wir den Jugendlichen helfen, ist das zu unser aller Vorteil."
Die Gründe, weswegen die Jugendlichen ihre Ausbildungen nicht abschließen oder erst gar keine beginnen, sind so vielschichtig wie die Jugendlichen selbst. www.unentdeckte-talente.at hilft, den jeweils nächsten Schritt zu setzen:
o www.unentdeckte-talente.at richtet sich an die betroffenen Jugendlichen, denn ohne sie geht gar nichts.
o www.unentdeckte-talente.at muss aber auch MultiplikatorInnen erreichen, also Lehrer und Lehrerinnen, Väter, Mütter, Tanten, Onkeln, Nachbarn und Großeltern, Freunde und Freundinnen.
o www.unentdeckte-talente.at empfiehlt über einfache Fragen zur individuellen Ausgangslage, einige richtige von über 50 verschiedenen Anlaufstellen zu finden.
o Wegbeschreibungen, Öffnungszeiten, Webadressen, E-Mailadressen, Telefonnummern und ein pdf-Ausdruck sollen Schwellen niedrig halten und Türen öffnen helfen.
o Auf www.unentdeckte-talente.at ist alles anonym, kostenlos und lösungsorientiert.
Caritas und AMS Wien: Gerade in Krisenzeiten ist eine Bildungs- und Qualifikationsoffensive das Gebot der Stunde für eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik
Geringqualifizierte Frauen und Männer haben es besonders schwer, am Arbeitsmarkt unterzukommen. "Das gilt zu jeder Zeit, vor allem aber in Zeiten der Krise", sagte Caritasdirektor Michael Landau bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Gemeinsam mit AMS Wien-Landesgeschäftsführerin Petra Draxl wies Landau darauf hin, dass es gerade auch im fünften Jahr nach Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise gelte, Schwerpunkte in den Bereichen Bildung, Weiterbildung und Qualifikation zu setzen. "Denn je geringer die formale Bildung, desto höher auch das Risiko, von Einkommensarmut betroffen zu sein - und es auch zu bleiben", so Landau. Bildungsarmut werde in diesem Land jedoch noch immer vererbt. "Hier braucht es endlich mehr Chancengerechtigkeit!"
In Wien haben derzeit 55 % der Arbeitslosen maximal Pflichtschulabschluss. Bereits drei Viertel (76%) der Unter-25-Jährigen in Wien, die schon länger als ein Jahr arbeitslos sind, haben keinen höheren Abschluss als jenen einer Pflichtschule in der Tasche. AMS Wien-Chefin Petra Draxl: "Der zweite Arbeitsmarkt ist für uns unendlich wichtig, weil die Sozialökonomischen Betriebe die Möglichkeiten und die Erfahrung haben, Menschen behutsam wieder ans Erwerbsleben heranzuführen. Wir werden uns nun noch stärker damit beschäftigen müssen, welche zusätzlichen arbeitsplatznahen Qualifikationen die SÖBs unseren Kundinnen und Kunden vermitteln können, die am ersten Arbeitsmarkt gebraucht und nachgefragt werden."
Derzeit sind in der Bundeshauptstadt so viele Menschen wie nie zuvor in Beschäftigung, doch gleichzeitig befindet sich auch die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordhoch: Im März waren knapp 120.000 Menschen arbeitslos gemeldet oder in Schulung - davon waren 36.299 Frauen und Männer länger als ein Jahr auf Jobsuche. "Deshalb haben wir uns im Rahmen des Qualifikationsplans Wien 2020 gemeinsam mit der Stadt Wien und den Sozialpartnern zum Ziel gesetzt, so vielen Menschen wie möglich zu einem qualifizierten Abschluss zu verhelfen - denn Bildung ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit", erklärt Draxl.
Mehr Schule und mehr Kindergarten
Aus Sicht der Caritas liegt ein zentraler Schlüssel, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, in einer umfassenden Reform des Bildungssystems. "Mit unseren Projekten für langzeitarbeitslose Menschen können wir vielfach nur die Folgen einer fehlgeleiteten Politik lindern, die Ursachen für diese Entwicklungen muss die Politik selbst bekämpfen", sagte Landau. Neben flächendeckenden Ganztagsschulangeboten brauche es vor allem auch einen verpflichtenden, gebührenfreien Kindergarten ab dem vierten Lebensjahr. Und um zu verhindern, dass Jugendliche ihre Schulkarriere frühzeitig beenden, müsse auch ein effektives Frühwarnsystem gegen Schulabbruch konzipiert werden, forderte der Caritasdirektor.
Landau begrüßte aber auch ausdrücklich den Weg, der in Wien mit dem Qualifikationsplan 2020 eingeschlagen wird. AMS Wien und Gemeinde wollen damit den Anteil der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss in den nächsten Jahren erkennbar reduzieren. "Sofern das Modell Erfolge zeichnet, würden wir uns wünschen, dass das Projekt, bei dem sich die öffentliche Hand und Private die Ausbildungskosten solidarisch teilen, nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich Schule macht" appellierte Landau.
Die Caritas der Erzdiözese Wien und das AMS Wien verbindet mittlerweile eine 23 Jahre währende Zusammenarbeit. Gemeinsam gelang es in dieser Zeit knapp 5.000 Menschen im Rahmen von Beschäftigungsprojekten zu unterstützen. Aktuell bietet die Caritas in Wien und Teilen Niederösterreichs rund 370 Arbeitsplätze für langzeitarbeitslose Frauen und Männer in sieben Beschäftigungsprojekten. Am Dienstag eröffneten Landau und Draxl gemeinsam die fünfte "Jobmeile" der Caritas im Carla Mittersteig. Bei dieser Jobmesse bieten mittlerweile 45 Aussteller Informationen für bis zu 1.000 Jobsuchende.
AMS-Wien-Vizechef Göschl: "Wollen mit 'Jobgarantie für Ältere' nun ähnlich erfolgreich sein"
Die Zahl der beim AMS Wien als arbeitslos vorgemerkten Personen ist im April 2013 im Jahresvergleich um 5,9 Prozent auf 83.697 Personen gestiegen. Die Zahl der AMS-Kundinnen und -Kunden in Schulung ist in Wien um 24,8 Prozent auf 33.471 angewachsen, die Summe beider Gruppen um 10,7 Prozent.
Einen starken Rückgang gab es bei den jüngsten Arbeitslosen unter 20 Jahren: Ihre Zahl ging im Jahresvergleich um 13,3 Prozent zurück. Die Gruppe der "45+" wuchs hingegen um 6,5 Prozent an. "Ältere Menschen, die ihren Job verloren haben, haben es besonders schwer, wieder in Beschäftigung zu kommen", sagt AMS-Wien-Vizechef Winfried Göschl. "Mit der 'Jobgarantie für Ältere', die wir in Wien derzeit mitentwickeln, wollen wir an die Erfolge anschließen, die wir bei der Jugendarbeitslosigkeit haben." Davon sollen vor allem ältere Langzeitbeschäftigungslose profitieren.
Nach den wichtigsten Branchen betrachtet, ist die Arbeitslosigkeit im Produktionssektor um 1,2 Prozent zurückgegangen. Im Einzelhandel ist sie um 2 Prozent gestiegen, um Bau um 14,4 Prozent. "Leider erholt sich die Baubranche nicht so rasch von dem strengen Winter, wie wir uns das erhofft hätten", sagt Göschl.
Von den 83.697 arbeitslos vorgemerkten Wienerinnen und Wienern haben 44.696 keinen höheren Schulabschluss als den der Pflichtschule. Im Rahmen des Qualifikationsplans Wien 2020 trägt das AMS Wien dazu bei, ihre Zahl zu reduzieren.